Die drei Rosse

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Wo heute auf dem Knubel von Bärhegen bei Sumiswald die Dächer behäbiger Bauernhäuser breit ausladen, soll in grauen Zeiten ein Schloss gestanden haben. Die Ritter, die dort geboten, waren rechte Zwingherren und Leuteschinder, einer wie der andere, viele Geschlechter hindurch. Der Letzte hatte ein womöglich noch härteres Herz als seine Vorfahren bis zum Urgrossvater zurück. Wo er einem seiner Bauern an Gut oder Freiheit etwas abzwacken konnte, tat er’s, versteifte sich auf seine siegelprunkenden Rechtstitel und wusste der Fronden und Abgaben kein Ende.

Einst kann ein angesehener Mann auf die Burg, um bescheiden ein Anliegen vorzubringen. Er wollte seine Tochter einem Ungenossen, einem Jüngling aus einer anderen Herrschaft, in die Ehe geben und nun den Junker bitten, ihm die Heiratssteuer zu erlassen. Die Ernte war schlecht ausgefallen und zu allem hinzu hatte er noch Unglück im Stall gehabt.

Der Schlossherr wies ihn kurz und trocken ab. Entweder erlege er den doppelten Ehrschatz, da er sein einziges Kind weggeben wolle, oder das Mädchen komme in die Mägdekammer der Burg. Nach diesem harschen Bescheid drehte er sich um und liess den bekümmerten Vater im Hofe stehen.

Mit hängendem Kopf ging dieser aus dem Tor. Er war noch kaum einen Bogenschuss weit gekommen, da stand auf dem holprigen Reitweg unversehens ein Männchen in fremdartigem, dunklem Gewand vor ihm, als ob es zwischen den Pflastersteinen hervorgeschossen wäre. Das fragte den Bekümmerten, was ihn drücke, dass er so trübselig unter dem Abendrot gehe. „Ach, du kannst mir ja doch nicht helfen!“ brummte der so plötzlich Angesprochene mit unwilligem Achselzucken. Doch der Zwerg gab es nicht so schnell auf zu forschen und drang in den Alten, bis er ihm alles erzählte. Und er wusste dessen Vertrauen so bald zu gewinnen, dass dieser sich raten liess, gleich nochmals vor den Herrn zu treten und ihn untertänig zu fragen, ob er von seiner schweren Forderung nicht ein weniges abgehen wolle.

Der Ritter war sehr ungehalten, dass der Bauer schon wieder dastand, und um den hartnäckigen Bittsteller ein für allemal loszuwerden, schnauzte er ihn hochfahrend an: „Die Steuer ist dir nur geschenkt, wenn du mir eines Morgens  die grösste Buche aus dem Hornbachgraben herbringst und sie mit allen ihren Ästen grün und ganz hier im Schlosshof aufstellst.“

Noch niedergeschlagener als vorher verliess der also Abgefertigte die gefürchtete Zwingfeste und berichtete dem harrenden Männlein trostlos, was für eine Antwort ihm zuteil geworden war. Es hiess ihn jedoch unverzagt ans Werk gehen. „Diesen Abend noch“, sagte es, „wollen wir die höchste Buche im ganzen Tal aussuchen. Die gräbst du sogleich aus, aber ganz allein, und für genügenden Zug will ich schon sorgen. Dem da droben werden wir jetzt einmal den Meister zeigen.“ Und dabei schossen seine dunklen Augen wahre Blitze zur Burg hinauf.

Es war noch nicht völlig Tag, als unten am Fluss des Hügels der Landmann die Buche aus dem Boden hatte. Erschöpft richtete er sich auf und stützte beide Arme auf den Axthalm, gespannt, wie der Kleine das fertig bringen werde, den riesigen Baum auf den Berg zu schaffen.

Auf einmal kam der mit drei brandmageren, schwarzen Gäulen und einem Vorwagen daher, spannte sie an das Wurzelwerk und liess seine Geissel auf die Klepper niedersausen, denen man jede Rippe zählen konnte. Die Rosse zogen an, ein gewaltiger Ruck, und aufwärts ging es mit der Riesenlast, so schnell, dass der Bauer kaum zu folgen vermochte. Mit Entsetzen sah er im Emporkeuchen, wie den drei Rappen das helle Feuer aus den Nüstern fuhr. Doch bevor er dazu kam, den seltsamen Fuhrmann darauf aufmerksam zu machen, waren sie schon vor das Schlosstor gelangt, wo die Pferde schnaubend hielten und das Pflaster stampften, dass die Funken in die Morgendämmerung sprühten.

Von dem Peitschenknallen, „Hü!“-Rufen und Hufgeklapper war der Junker aufgewacht, kam jetzt über die Zugbrücke herausgeeilt und fragte das fremde Männlein fast erschrocken, woher es die Wundertiere denn habe.

„Kennst sie nicht?“ schrie ihn der Kleine mit Donnerstimme an. „Dä i der Stange isch di Urgrossvatter, dä a der Hand die Grossvatter, dä vorus di Vatter; und wenn’s nit wär gange, so hätt i di no derzue igspannet!“ Und kaum hatte er zu Ende gesprochen, da schütterte und schwankte der Boden, ein furchtbares Getöse erfüllte die Luft, und die Burg samt dem Junker und dem rätselhaften Zug Rosse war auf einen Schlag im Hügel versunken.

Als der Bauer sich vom ersten Schrecken erholt hatte und nach dem hilfreichen Zwerg Umschau hielt, war der verschwunden.

(Aus "Schweizersagen" von Arnold Büchli; Verlag von H.R. Sauerländer & Co., Leipzig und Aarau)

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