Der arme und der reiche Sindbad

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In Bagdad lebte einst, unter der Herrschaft Harun al Raschids, ein Mann namens Sindbad. Er war Lastträger und ein armer Mann und arbeitete schwer, und er sehnte sich nach Reichtum und Ruhe. Eines Tages, als er gerade wieder eine Last auf seinem Kopfe trug, während der Himmel heiss war wie glühendes Metall, ermattete er unter der sengenden Sonne, und es überkam ihn grosse Müdigkeit. Und er wischte sich den Schweiss von der Stirn und hielt inne und seufzte.

Es geschah dies aber, als er sich an der Pforte eines grossen weissen Hauses befand. Eine breite Ruhebank stand vor dem Tor; und als Sindbad sie sah, legte er seine Last auf die Bank und sass nieder, um zu verschnaufen. Und es tat ihm wohl, dass aus der Richtung der Pforte ein Geruch von Rosen wehte.

Er lauschte und vernahm aus dem Innern des Hauses Gitarren und Saitenspiel. Es mischte sich in den zarten Klang das Gezwitscher vieler Vögel, und Sindbad, der die Tiere liebte, unterschied den Gesang der Nachtigall, das Gurren der Turteltaube und den Ruf der Drossel. Und er hörte noch andere Vogelstimmen, die er nicht kannte, und neugierig schritt er näher.

Durch das Gitter im Tor erblickte er einen herrlichen Garten, darin gab es die schönsten und seltensten Blumen und Pflanzen, auch Teiche voll goldener und silberner Fische und geräumige Umzäunungen für allerlei Getier. Bunte Vögel sassen in den Zweigen und sangen, und auf den kiesbestreuten Wegen schlugen Pfauen ihr Rad. Zwischen den Blumenbeeten, Tiergehegen und Teichen, im Schatten der schönen Bäume, spazierten hübsche Sklavinnen und lachende Diener, und sie sahen aus, als feierten sie ein immerwährendes Fest, und es waren ihrer so viele, dass man meinen mochte, es sei dies das Gefolge eines Königs.

Da sprach Sindbad bei sich in seiner Seele: ,0 Allah, warum leben die einen im Wohlstand und im Überfluss der Welt, während die anderen arbeiten und leiden und im Elend sind wie ich!' Und ein Vers fiel ihm ein:

Wenn ich erwache, wartet die Arbeit auf mich.
Und mein Los ist Last.
Wenn der Reiche erwacht, erwartet ihn Dienstbarkeit.
Und sein Los ist Lust.
Für die Reichen sind die Feste, für die Armen ist das Fasten,
Und die einen gehn im Garten, und die andern tragen Lasten.

Diese Worte murmelte er, und er fand eine Melodie dazu und sang sie vor sich hin. Und ganz versunken, doch gleichwohl erfreut von der Schönheit des Gartens und den Spielen der Tiere, stand Sindbad vor dem Tor.

Nach einiger Zeit öffnete plötzlich ein junger Sklave die Pforte und bat ihn, einzutreten, denn der Herr des Hauses begehre ihn zu sprechen.

Da erstaunte Sindbad und glaubte, es müsse ein Irrtum sein; doch schliesslich folgte er dem Sklaven und ging wie im Traum hinter ihm her durch den Garten, über die Treppe und durch die Vorhalle, und schliesslich gelangte er in einen festlichen Saal. Und der Saal war geschmückt mit Blumen, und es standen Schalen mit Früchten und kostbaren Speisen auf dem Tisch und Getränke in Karaffen von Kristall. Auch gab es junge Sklavinnen, die tanzten und musizierten, und um den Tisch sass eine erlesene Gesellschaft, und man trank und plauderte und war fröhlich.

Auf einem erhöhten Platz aber sass ein Mann von ehrwürdigem Aussehen. Sein Antlitz trug die Furchen des Alters und sein Haar war weiss. Er war stattlich von Erscheinung und voll heiterer Würde und natürlicher Majestät. Und Sindbad der Lastträger geriet in Verwirrung über alles, was er sah, und er sprach bei sich in seiner Seele: Bei Allah, das ist entweder der Palast eines Königs oder der Vorhof des Paradieses!' Und er grüsste die Gesellschaft achtungsvoll und stand mit gesenktem Haupt in stummer Erwartung.

Der Herr des Hauses gebot ihm, näherzutreten und niederzusitzen und sprach ihm freundlich zu und hiess ihn willkommen. Dann stellte er ausgesuchte Speisen vor ihn hin, und der Lastträger sprach sein „Gelobt sei Allah!" und machte sich daran und ass sich satt. Dann wusch er sich die Hände und sagte seinen Dank für die Bewirtung.

Doch da sprach der Gastgeber: „Sei willkommen und dein Tag sei gesegnet. Wie ist dein Name und Stand?"

Und Sindbad sagte: „0 Herr, mein Name ist Sindbad und ich bin Lastträger von Beruf."

Und der Herr des Hauses lächelte und erwiderte: „So bist du mir wie ein Bruder, o Lastträger, denn auch ich heisse Sindbad, und man nennt mich den Seefahrer. Wisse denn, dass es meine Gewohnheit ist, Menschen, die vor meiner Tür stehen und sich erfreuen an meinem Garten, zu Gast zu bitten; und um so lieber tue ich es, wenn sie den Eindruck machen, sie seien selber nicht mit gleichen Gütern gesegnet. Wer in den Gärten des Glückes lebt, der teile aus von seinem Überfluss an seine Mitmenschen und achte sie als seine weniger glücklichen Brüder. Denn Glück ist Gnade und Geschenk, dessen wir würdig sein müssen; auch sollen wir wissen, dass Allah es uns nehmen kann über Nacht und dass vielleicht schon morgen wir es sind, die vor fremden Gärten stehen und seufzen und erfreut sind, wenn uns aufgetan wird. Dies aber, o Freund, ist ein besonderer Tag, denn dass du den gleichen Namen trägst wie ich, soll wohl uns beide daran mahnen, dass wir alle Brüder sind, der im Garten und der andere, der die Lasten trägt."

Da war Sindbad verlegen und sein Vers fiel ihm ein, und der Hausherr sagte, als habe er seine Gedanken erraten, er möge doch den Vers wiederholen, den er vor dem Tore gesungen und von dem ein Sklave berichtet habe. Sindbad tat es und entschuldigte sich dann dafür, doch der Herr des Hauses rief:

„Recht gut gefällt mir dein Vers und dein kleines Lied, o mein dichtender Lastträger! Auch sprichst du damit die Wahrheit. Es ziemt dem Reichen, erinnert zu werden an das Los der Armen, auf dass er es lindere. Willst du deinerseits, o mein Bruder, als Gegengabe für deinen Vers meine Geschichte hören? Du wirst dann erfahren, woher mein Reichtum stammt, und wie immer du dann denken magst über das Spiel des Schicksals: es ist eine wunderbare und seltsame Geschichte. Und du sollst hören, dass ich meinen Wohlstand nicht erreichte, ehe denn Leiden und Gefahren in Menge über mich hingegangen waren; und unendliche Mühsal und Plage habe ich zuvor erdulden müssen und schwere Arbeit und Irrfahrten über die Meere hin. Sieben Reisen machte ich, und an jeder hängt eine Geschichte. All das aber kam von der Missgunst des Schicksals, das mir damals so wenig Wohlwollen zeigte wie bis heute dir oder noch weniger. Doch wisse, dass der Lauf unseres Lebens sich ändern kann, ehe wir es ahnen, und dass uns zugemessen ist Gutes und Schlimmes."

„Sehr weise sprichst du", sagte da der Lastträger, „und sehr gütig redest du zu mir. Und recht begierig bin ich, o Herr, auf deine Geschichte."

Und Sindbad der Seefahrer erzählte Sindbad dem Lastträger die Geschichte seiner ersten Reise.

(Quelle: "Erzählungen aus Tausend und eine Nacht", Buchclub Ex Libris Zürich 1977)

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