Der grüne Reiter auf der Schlange
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Hinten im Hornbachgraben steht noch auf Sumiswalder Boden ein Bauernhof nah am Bach, der zuzeiten zum Wildstrom wird und gar wüst tun kann, wenn ihn bei einem Gewitter etwa die tolle Lust ankommt, von den Weiden droben am Napf wieder ein paar Blätzen herunterzureissen.
Noch im vorigen Jahrhundert wird es gewesen sein, dass einmal zwei Mädchen von diesem Hof auf einer Wiese unten am Ufer Wäsche aufhängten. „Das ist ein herrliches Wetter heute“, rühmten sie immerzu, „die Sonne dörrt einem jedes Stück fast unter den Händen salztrocken.“ Der strahlende Himmel meinte es aber auch zu gut und machte das Tal zu einem Backofen. Als die zwei lustigen Wäscherinnen fertig waren, standen sie plaudernd noch ein Zeitchen und schauten neugierig ins Wasser. Vielleicht wirbelte darin gerade eine Handvoll Goldstaub auf. Denn der Hornbach sei ein Goldbach, sagten die Leute.
Da trat aus dem Erlenbusch unvermutet ein Männchen, kaum eine Elle hoch, hervor. Es steckte in einem schilfgrünen Fräcklein und trug einen breitkrempigen Wetterhut, der es fast wie ein Schirm überschattete. Und um den Leib hatte es sich, wie wunderlich! Eine winzige Pferdehalfter gebunden. Der Kleine bot ihnen freundlich guten Tag und zeigte auf die Wäsche: „Die schönen Leintücher da müsst ihr aber bald abnehmen, sie könnten euch sonst noch fortgeschwemmt werden.“ Die Mädchen lächelten sich ungläubig zu. Weit und breit war ja kein Wölkchen zu entdecken. Und spöttisch kichernd ergriffen sie ihre Zeine und gingen zum Hof hinauf.
Doch wie sie an den Gartenzaun kamen, sahen sie verblüfft in die Höhe. Da waren ihnen ja plötzlich schwere Tropfen auf die Hände gefallen, es hatte ordentlich geklatscht. Und bald regnete es noch stärker, fast aus blauem Himmel.
Schleunigst kehrten sie um, rannten auf die Wiese hinunter und nahmen hurtig die Wäsche ab, dass die Klammern umherflogen. Inzwischen hatte es auf der Wetterseite schon mächtig „aufgestellt“, eine kohlschwarze Wolkenwand, und die beiden kamen mit ihrem Korb voll gerade unter Dach, als ein Guss über den Hornbachgraben niederging, wie man ihn dort schon lange nicht mehr erlebt hatte.
Die Flut unten schwoll verdächtig rasch an, kam ganz dick und gelb dahergeschnellt, und die Bauern stürmten aus den Häusern, um den Verwüstungen des Hochwassers zu wehren. Die zwei Mädchen liefen auch mit und kamen gerade dazu, als auf der ersten bösen Welle eine ungeheure Schlange daherschoss, baumlang und über den ganzen Rücken gelb und schwarz gemustert. Und sieh einmal! Auf dem Ungetüm von einem Wurm ritt das grüne Männchen, das sie vorher angesprochen. Das Hälfterchen hatte es der Schlange angelegt und zügelte sie damit wie ein Rösslein. Vor dem Trockenplatz, um den sich der Fluss herumschlängelt, bäumte sie sich schrecklich züngelnd hochauf, sprang über den Rasen hinweg und glitt weiter unten wieder ins Wasser, dass der kleine Reiter in den Wogen auf und ab tanzte.
Der Bach hauste fürchterlich. Auf der Hinterrieder Alp wurden sogar Kühe fortgerissen und ertranken. Eine oder zwei wurden stundeweit weggetragen und just dem Bauern, dem sie gehörten, auf eine Matte geworfen.
(Aus "Schweizersagen" von Arnold Büchli; Verlag von H.R. Sauerländer & Co., Leipzig und Aarau)
Der Schlangenbanner
Eine der schönsten Alpen im graubündnerischen Prättigau ist die Saaseralp auf der Sonnenseite des gewaltigen Madrisahorns. Selten an einem Orte werden die Kühe ergiebiger in der Milch als auf jenen Alpenweiden.
Einst war das nicht so. Die Alp war mager und trocken, und das Vieh, das dort sömmerte, sah schmal und unschön aus, wenn es im Herbst zu Tal fuhr. Das Böseste aber war, dass auf der Alp unzählige Schlangen ihr Unwesen trieben. Es war kein angenehmer Schleck, an den sonnigen Halden, an denen das Schlangengezücht giftgeschwollen herumraschelte, das Vieh zu hüten. Wo auch die Hirten gingen, überall ringelte sich zischend giftiges Gewürm empor und bedrohte sie mit einem jämmerlichen Ende. Eine Kuh nach der andern wurde gebissen und musste abgetan werden.
Eines Abends, als gerade ein Hirt nach Saas hinunter den Bericht brachte, es sei soeben von einer giftigen Schlange die Heerkuh, die vürnehmste Kuh auf der ganzen Alp, getötet worden, kam ein kleines, fremdes Männchen ins Dorf gegangen. Es war ein fahrender Schüler. Als man ihm nun von den giftigen Schlangen auf der Saaseralp erzählte, blinzelten seine grauen Augen seltsam unter den überhängenden Augenbrauen hervor. Er wollte aber noch mehr von diesen Schlangen wissen und fragte die Bauern lange aus. Zuletzt fragte er schier ängstlich, ob sie unter den vielen Schlangen auf der Alp nie eine weisse gesehen hätten. Als aber die Älpler alle laut versicherten, dass sie dort ihr Lebtag noch nie weisse Schlangen erblickt hätten, und als auch der älteste Mann nichts von weissen Schlangen wissen wollte, ward das seltsame Männchen gut gelaunt und anerbot sich, die Schlangen auf der ganzen Alp zu bannen und unschädlich zu machen.
Das freute die Bauern von Saas sehr. Doch trauten sie der Sache bloss halb. Sie wollten es erst mit eigenen Augen sehen. Also führten sie den fahrenden Schüler auf die Alp.
Wie er nun dort ankam, machte er mit Reisig und Heidekraut drei grosse Haufen. Auf diese Haufen warf er ein paar Hände voll eigenartiger Kräuter und Wurzeln und zündete sie danach an. Und nun nahm er feierlich das Käpplein ab, zog ein silbernes Pfeiflein aus der Tasche und fing zu pfeifen an, während er unter wunderlichem Getue um die drei Haufen herumschritt.
Eine Weile blieb alles mäuschenstill. Die Saaser Bauern wagten kaum zu atmen. Sie waren sehr gespannt darauf, was da wohl noch geschehen werde.
Da auf einmal krochen zum Schrecken der Saaser von allen Seiten, einzeln und in ganzen Knäueln, die Schlangen herbei. Aber sie beachteten die zitternden Hirten gar nicht. Schnurstracks, fürchterlich zischend, stürzten sie sich allesamt ins Feuer, das aus den drei Haufen hoch aufloderte, wo sie unter schrecklichem Gewinsel und hochaufschnellend verbrannten und verkohlten.
Schon freuten sich die Hirten, denn nun kam keine Schlange mehr, sie schienen alle im Feuer zugrunde gegangen zu sein. Auch das kleine Männchen, der fahrende Schüler, atmete lange auf und wischte sich den Schweiss von der Stirn.
O weh, da gab es auf einmal Lärm unter den Saasern. Sie fuhren entsetzt vom Feuer weg, denn unter schauerlichem Gezische rollten in grossen Windungen drei ungeheure weisse Schlangen daher, von denen jede ein goldenes Krönlein auf dem Kopf hatte. Blitzgeschwind raschelten sie daher und spieen Gift und Feuer aus.
Erst war der fahrende Schüler wie versteinert dagestanden. Dann stiess er auf einmal einen entsetzlichen, Berg und Tal durchgellenden Jammerschrei aus und rannte, so schnell er vermochte, Sonnenaufgang zu. Doch die weissen Schlangen verfolgten ihn pfeilschnell. Er strengte sich auf Tod und Leben an, über einen nahen Bach zu kommen, dort hielt er sich für gerettet. Schon hatte er ihn erreicht und wollte ihn eben überspringen, als ihn die weissen Schlangen packten. Schrecklich heulte er auf, dass den Saasern die Haare zu Berge standen und die Knie schlotterten. Und jetzt umwanden die weissen Schlangen das Männchen und drückten es zu Tode, rissen ihm das Herz aus dem Leibe und verschwanden im Farnkraute. Also fürchterlich hatten sie den Feuertod der Schlangen gerächt.
Heute noch heisst jener Bach, an dem der fahrende Schüler so elend umkam, der Schreierbach, denn die Saaser konnten die schrecklichen Schreie, die das Männchen ausstiess, nicht mehr vergessen. Von Schlangen aber merkte man von da an diesseits des Baches nie mehr etwas.
Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und
Heldengeschichten, Stuttgart 1915.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005.